My Two Eurocents

Beim Thema Griechenland werden auch Zerebralorgane ganz marode, bei denen man bislang ein Mindestmaß an politischer Vernunft annehmen durfte.

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AUF DER EINEN SEITE sind da jene Antideutschen und Ideologiekritiker, die inzwischen nichts mehr von theoretischer Reflexion zu verstehen scheinen (wie überhaupt oft Kritische Theorie von Marx bis Adorno zum postmodernen Zitatenschatz eingedampft wurde), jene also, die das Elend der (zuvörderst deutschen) Austeritätspolitik nicht mehr als Elend unzähliger Individuen interpretieren, und die kaum mehr anders klingen als die Herrschaften (die Damen eingeschlossen) von WELT bis FAZ.

Die in diesen Kreisen gar gelegentlich geäußerte realpolitische Hoffnung, die Griechen mögen alsbald „richtige neoliberale Parteien“ wählen, ist – abseits der Frage, was parteipolitischer Neoliberalismus im (süd)europäischen Kontext bedeuten würde und ob es solche Parteien in Griechenland überhaupt gäbe –, nur ein paar Sozialleistungskürzungen weitergedacht, von erschreckender Empathielosigkeit. Die Kritik an der real existierenden, antimodernen und antiliberalen Linken, die mit höchstem Recht auch bei Syriza und Konsorten ansetzen muss, wendet sich de facto in eine Parteinahme für ein System, das alltäglich unfassbare Armut für unfassbar Viele bedeutet. Früher hatte man noch einen elaborierten Begriff von diesem System, aber bei aller regressiven Kapitalismuskritik will man selbst lieber nicht mehr kritisch vom Kapitalismus reden – ganz im Gegenteil.

Und doch ist es eben dieses kapitalistische System, das gerade neue Verelendung, und mit der Armut auch politischen Wahn produziert. Der populistische Linksradikalismus von Syriza ist da vielleicht nur ein lächerliches Vorspiel zu dem Irrsinn, der noch kommen könnte. Natürlich stehen materielles und geistiges Elend mitnichten in einem einfachen Ableitungszusammenhang, doch mit Blick auf die Dialektik von Sein und Bewusstsein verbietet es sich gerade nicht, wie von dieser Fraktion ebenso schon angemahnt wurde, materielles und geistiges Elend in einem Atemzug zu nennen. Im übrigen gab es auch dafür bereits einmal einen Begriff: den der Politischen Ökonomie. Es scheint also geboten, an derlei Basisbanalitäten noch einmal zu erinnern.

Es sei ausdrücklich dazugesagt: wahrlich nicht alle Antideutschen und Ideologiekritiker haben sich derartig ins anti-linke, reflexhafte Kapitalismus-Liebhaben verrannt, doch gibt es in dieser wie in jeder Schublade Messer, die nicht besonders scharf sind.

AUF DER ANDEREN SEITE sind da jene, die gegen „antideutsche Reinheitsgebote“ wettern und in Griechenland die Morgenröte eines neuen Antikapitalismus zu wittern scheinen. Hierfür steht der Gastbeitrag „Griechenland und antideutsche Reinheitsgebote“ von Bernhard Torsch im Jungleblog stellvertretend [1]. Wohlwollend wird da über den nationalistischen Grundton von Syriza hinweggesehen, weil der ja nicht völkisch sei, über die Koalition mit rechten Demagogen, weil diese ja nicht gleich eine NPD seien, über deren Antisemitismus, weil dieser ja gar keiner sei, sondern nur „doof“.

Aus der Rage gegen „antideutsche Reinheitsgebote“ spricht derweil das schiere Gegenteil: Wegsehen, Nichtwahrhabenwollen, Schönreden. Das ist der zu zahlende Preis für die Rückkehr in den linken Konsens. Dabei ist Syriza eben keine ganz gewöhnliche sozialdemokratische Partei, wie gern behauptet wird, sondern die erste linke Partei neuen, postmodernen Typs, die eine europäische Regierung stellt. (Wenn deren linksradikaler Populismus in einer Sackgasse endet, erst dann wird eine Sozialdemokratisierung erwogen: als Exit-Strategie.) Syriza macht also zunächst auf reichlich Krawall und Demagogie, poltert und droht, um schließlich den Kapitalismus per Referendum in die Knie zwingen zu wollen. Das ist so albern wie gefährlich, weil eben nicht eine reale Alternative zu materiellem und geistigem Elend begründet wird, sondern diese Verelendung de facto sogar angeheizt wird. Das ganze testosteroninduzierte Spiel von Tsipras und Varoufakis hat zudem paternalistische Züge: Hier die linken Tribunen mit den offenen Hemden, die Brüssel ebenso einheizen wie sie den gemeinen Pöbel aufhetzen. Dort eben jener griechische Pöbel, der die Rechnung bezahlen darf, aber nicht mehr kann, und darum, ganz buchstäblich, zugrunde zu gehen und an den Verhältnissen irre zu werden droht. Wer einen Demagogenhaufen wie Syriza ernsthaft salviert und Hoffnung in seine Politik weckt, der nimmt eben nicht Partei für die Elenden, sondern verrät diese.

Vollends wirr wird es bei Bernhard Torsch, wenn die Bedrohung Griechenlands mit der Bedrohung Israels in Verbindung gebracht wird, wohl als Köder für antideutsche Israelfreunde, sich nun auch – weil die Austeritätspolitik ja zuvörderst eine deutsche ist – für Griechenland und insbesondere für Syriza stark zu machen. Dazu nur zwei Hinweise. Zum einen betreibt Deutschland hier weniger eine spezifisch deutsche Politik als eine Politik ganz banaler kapitalistischer (Staats-)Logik von Gläubiger und Schuldner (mit allem machtpolitischen Kollateralnutzen); das alles ist also noch keine spezifisch deutsche Ideologie. Zum anderen hinkt der Vergleich zwischen Israel und Griechenland nicht nur, ihm fehlt ein ganzes Bein. Argumentiert man auf der Ebene, dass hier wie dort Leib und Leben bedroht seien, so kann man gleich bei Margrot Käßmann anklopfen, und übrigens ging’s Opi vor Stalingrad ja auch nicht so gut (Stichwort: Gefahr für Leib und Leben). Das, mit Verlaub, ist Kirchentagsgeschwätz, aber nicht politisches Denken. Gegen Griechenland arbeitet die ganz normale (und das heißt für die Armen: auch mörderische) kapitalistische Logik. Gegen Israel dagegen arbeitet der blanke Wahn; und dass dem Antisemitismus die völlige Sinnlosigkeit – d.h. nach allen Kriterien, auch und gerade nach ökonomischen – eigen ist, dass genau diese Sinnlosigkeit das Singuläre des Antisemitismus ist, das hat schon Hannah Arendt beschrieben (und Eike Geisel ins Deutsche übersetzt) [2]. Insofern ist die Analogie zwischen Griechenland und Israel bestenfalls einem moralischen Empörtsein geschuldet, nicht aber einem politischen Denken.

Überhaupt scheint Bernhard Torsch, darin (wieder) ein „guter“ Linker, keinen Begriff (mehr) vom Antisemitismus zu haben [3]. Man müsste ihm jetzt sogar erklären, dass hinter der „Israelkritik“ gerade nicht, wie von ihm behauptet, die Anerkennung des Existenzrechts Israels steht, sondern der postmodern kodifizierte Antisemitismus, oder – mit Améry – dass sich hinter der „ehrbaren“ Israelkritik ein „ehrloser“ linker Antisemitismus wie „das Gewitter in der Wolke“ versteckt. Doch wem man dass noch erklären muss, dem braucht man eigentlich nichts mehr zu erklären.

KURZUM: Sich weder von der Logik des neuesten Kapitalismus dumm machen zu lassen, noch sich blind zu machen für das Grauen des realen Antikapitalismus auch in seiner griechischen Ausprägung, das ist nicht Äquidistanz. Sondern das ist die Bedingung der Möglichkeit für politische Reflexion und Urteilsfähigkeit, mithin die einzige Möglichkeit wirklicher Empathie für die Menschen als Subjekte: als erniedrigte, geknechtete, verlassene, verächtliche Wesen, die nicht um ihre wahre Hoffnung betrogen werden dürfen, indem man ihnen eine falsche vormacht.


[1] http://jungle-world.com/jungleblog/3313/

[2] u.a. in Hannah Arendts Text „Die Vollendete Sinnlosigkeit“ in: Hannah Arendt: Nach Auschwitz. Essays & Kommentare. Herausgegeben von Eike Geisel und Klaus Bittermann, Edition Tiamat, 2. Auflage, Berlin 2014

[3] Auf Facebook redet sich Bernhard Torsch ganz um Kopf und Kragen: „Service für die simpel gestrickten Schwarzweißgehirne: ‚Israelkritik‘ bedeutet in aller Regel, den Staat Israel für dieses oder jenes zu kritisieren, aber sein Existenzrecht anzuerkennen. Antizionismus stellt das Existenzrecht Israels in Frage. Rassenantisemitismus bzw. (auch religiös motivierter) Vernichtungsantisemitismus ist nochmal eine Eskalationsstufe. Das mag man alles ekelhaft finden, aber es ist nicht alles dieselbe Suppe. Darauf darf, nein muss man hinweisen, wenn das differenzierte Denken aus der Mode kommt. Und zum Israel-Vergleich: der hinkt nur dann, wenn man kapitalistische Logik und Moral so verinnerlicht hat, dass man Toten, die ein Wirtschaftskrieg fordert, die Schuld an ihrem Sterben selber zuweist und daher Griechinnen der Solidarität für weniger wert hält als Israelis.“


Nachtrag:

Da sich von der Kritik im ersten Teil des Textes, der zuerst auf Facebook erschien, der Wiener Autor Dieter Sturm angesprochen fühlte (er war durchaus gemeint, aber doch nicht allein), so sei (mit erfolgter Einwilligung) seine Replik hier beigefügt:

Da hier einige von mir getätigte Äußerungen kritisiert werden: „Neoliberalismus“ ist in dem Zusammenhang, um den es hier geht, nichts anderes als ein so leeres und dümmliches wie ekelhaftes Schlagwort, das kaum etwas über sozioökonomische Zusammenhänge aussagt, aber umso mehr als mittlerweile universales Kennwort zur gemeinschaftsstiftenden, politische Lager übergreifenden Versicherung und Befeuerung antiliberaler Ressentiments dient – gerade wegen seiner Schwammigkeit ist es bestens dazu geeignet. Wenn ich sage, dass ich es erfreulich finden würde, wenn Griechen neoliberale Parteien wählen, dann ging es mir vor allem darum, diese Projektion des „Neoliberalismus“ positiv zu wenden (in der gleichen Manier, in der unter Antideutschen ja auch „Volkstod“, „Zersetzung“ etc. also all das, was die Volksgenossen befürchten, oder Elsässers berühmte Rede von den „Teheraner Drogenjunkies“ positiv gewendet wird). Anders gesagt: Die Griechen sollten, wenn sie denn die Möglichkeit haben, doch Parteien wählen, die dem Wahn von SYRIZA/Anel/Chrysi Avgi widersprechen und eben in diesem Sinne „neoliberal“ sind, eben weil das „kapitalistische System“ nicht „mit der Armut auch politischen Wahn produziert“, wie Du hier schon wieder in schlecht materialistischer Manier behauptest. Überhaupt scheint mir, dass Du Dich in diesem Kommentar, mit Verlaub, allzu sehr um so etwas wie die Formulierung einer ideologiekritischen Correctness bemühst, in der – am Beispiel von Griechenland – alles, was „wir“ über das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum, Kapitalismus und Antikapitalismus, Unfreiheit und Freiheit von unser aller Klassikern „gelernt haben“, (anspielungsreich) zusammengezwungen werden soll. Man kann aber nicht einerseits den Müll, den der Torsch verzapft, völlig zu Recht in der Luft zerreißen und andererseits – unter Berufung auf die Kritik der politischen Ökonomie – diesem unsäglichen Elends-Nazifizierungs-Determinismus (der ominösen „Dialektik von Sein und Bewusstsein“) Konzessionen machen. Und das tust Du, da hilft auch das Relativieren und Differenzieren nicht, im Gegenteil. Ich bezweifle übrigens auch, ob man gegenwärtig dem Anspruch, die Menschen in Griechenland und anderswo als Subjekte ernst zu nehmen, wirklich gerecht wird, indem man darauf verweist, dass sie doch im Grunde „erniedrigte, geknechtete, verlassene, verächtliche Wesen“ sind. Auch diese Formulierung hat einen Zeitkern. In Zeiten, in denen Opferkonkurrenz und Instrumentalisierung des Leidens politisch hoch im Kurs stehen, halte ich sie jedenfalls für zunehmend zweifelhaft.