Wir sind die Guten

Siebzig deutsche Jahre: keine Rache, keine Revolution, stattdessen Reprisen mit Happy End. Deutschland hat sich aufgearbeitet, seine Lehren gezogen, seinen Frieden gefunden. Und es ist endlich wieder Weltmeister: des Ballsports, der Herzen, der Moral.

[PDF]

Doch das war ein langer Weg. Auf diesem erwies sich die von rechts zunächst versuchte Ewiggestrigkeit als ein untaugliches Mittel: zu unleugbar waren die Verbrechen, die ja „nicht nur ein Mord an Massen, sondern auch eine Veranstaltung von Massen“ waren, wie Eike Geisel einmal schrieb, unmöglich erschien es, das Bedürfnis, dass alles wieder gut sein möge, mit der eigenen Schuld zu versöhnen. Es brauchte ein anderes Modell als diese Ewiggestrigkeit, und Geisel brachte dieses als die „Wiedergutwerdung der Deutschen“ auf den Begriff. In diesem integrierte man die guten, weil toten Juden ins nationale Gedächtnis, man baute sich das weltgrößte Holocaustmahnmal, damit niemand übersähe, wie monströs aufgebarbeitet man nun sei, machte so Erinnerung zur höchsten Form des Vergessenes, und konnte fortan umso unbeschwerter die in Israel lebenden und sonstwie renitenten Juden als die neuen Täter identifizieren. Und schließlich ließ man die Linke ein neues biodynamisches Heimatgefühl, einen multikulturell drapierten Patriotismus ausleuchten, auf den man sich dann gesamtgesellschaftlich verständigen konnte. Wer je Bilder von Claudia Roth in Robe in Bayreuth [1], im Dirndl auf der Wiesn [2] und mit Kopftuch im Iran [3] sah, hat hier die Illustration: das ist der Karneval der Kulturen nach postnazistischer Art, mal kreischend fröhlich, mal einfühlsam dialogisierend, aber immer guten Gewissens, immer kultursensibel: ob beim saufenden Siegfried oder beim mordenden Mullah. Was damals Eike Geisel mit der „Wiedergutwerdung der Deutschen“ noch als Prozess beschrieb, kann man dergestalt heute in seinem Resultat betrachten. Wir können wieder unverkrampft „Wir“ sagen.

Zugegeben: Die Kritik an diesem sich neu definierten nationalen Kollektiv befindet sich in einer prekären Lage, denn wo inzwischen fast alle wieder selbstzufrieden deutsch sind, wirkt jeder Einspruch wie tumbe Nörgelei. Doch wenn man ein wenig mit den Texten Eike Geisels das eigene Denken gelernt hat, so befindet man sich unwohl dort, wo das nationale Kollektiv sich zusammenschließt, und sei es zur „Olympiade guter Gesinnung“. Dann will man Geisels Befunde der deutschen Psychopathologien weiterdenken und aktualisieren, um – man genehmige mir hier eine Pathosformel – das gesellschaftlich Andere zumindest noch als Denkmöglichkeit zu retten.

Drei Ansatzpunkte für ein Weiterdenken möchte ich dazu vorschlagen:

Erster Ansatzpunkt: Die „Vollreinigung der deutschen Geschichte“, von der Geisel einst sprach, lief bekanntlich nicht auf eine Wiederherstellung der alten Volksgemeinschaft hinaus, wie von manchen Linken 1989/90 befürchtet, und von Leitartiklern in der FAZ und Bierbüchsenpatrioten in Freital und Pirna heute noch erhofft. Das nationale Kollektiv konstituiert sich heute gerade nicht mehr rassistisch – sondern postmodernisiert ideologisch.

Die Konsensstiftung findet dabei zuvörderst statt über das Ressentiment gegen Amerika und Israel; man denke an die Verachtung für George W. Bush, weil der noch Tyrannen zu stürzen wagte, man denke an die hämische Freude über den geopolitischen Niedergang der Amerikaner, die seit Obama nur noch rote Linien ziehen, deren Überschreiten aber allenfalls mit Dialogangeboten sanktionieren, man denke auch an die präzedenzlose weil einstimmige Annahme der antiisraelischen Gaza-Resolution 2010 im Bundestag… Ausgerechnet in solchen Fragen gibt es keine Parteien mehr, nur noch Konsens.

Neben diesem ideologischen Kitt gilt als Geschäftsgrundlage des neuen Deutschlands etwas, das auch schon die alte Volksgemeinschaft auszeichnete: das Diffundieren von Staat und Gesellschaft. Wir erleben dies aktuell beim „Refugees Welcome“: statt ein verbindliches Recht auf Asyl und ein Leben in Würde, das der Staat zu garantieren hat, politisch einzufordern, bestimmen zivilgesellschaftliches Engagement, freiwillige Hilfe und großherzige Spenden das Bild. Ohne sichtbaren Protest kann dieser Tage eine ganz große Koalition die verbindlichen und einklagbaren Rechte der Flüchtlinge demontieren, während die Zuwendungen der privaten Helfer noch als gutgemeinte Almosen fungieren, die gleichwohl emotionalen Konjunkturen unterliegen. Zwar mangelte es diesem Staat ja zu keiner Zeit an finanziellen oder logistischen Mitteln, und es wäre stets die vornehmste Aufgabe des Staates, die Flüchtlinge zu versorgen und ihre Rechte zu garantieren, und doch wurde deren Aufnahme von Anfang an als nationale Kraftanstrengung und als kollektive Leistung verstanden. „Wir schaffen das!“, meinte die Kanzlerin. Und es es lohnt sich ja auch: Es winkt moralischer Profit.

Womit ich beim zweiten Ansatzpunkt bin: der organisierten Zivilgesellschaft. Es gibt unzählige Stiftungen und NGOs in diesem Land, die allermeisten von Staats- und Parteigeldern abhängig, oder zumindest ihren Geldgebern verpflichtet, durch Nähe zum politischen Apparat entsprechenden Einfluss zu suggerieren, was ihr kritischen Potenzial per se dementiert. Doch selbst die Klügsten und Unabhängigsten unter ihnen betreiben oft einen sich in symbolischen Aktionen erschöpfenden NGO-Zirkus. Und das nicht zuletzt dann, wenn sie sich gegen Antisemitismus und Rassismus engagieren: da geht es um „kreative Projekte“, die „Mut machen“, „laut und bunt“ und „bunt statt braun“, die Phrasen fliegen hoch, die Fakten tippt man ins Internet, und unter der Rubrik „Service“ erstellt man eine Liste der Todesopfer rechter Gewalt. [4]

Natürlich kennt man auch in diesen Vereinen seinen Adorno und grüßt am 11. September ganz wohlgelaunt auf Facebook zum „Happy Adorno Day“. [5] Aber man hat weder von ihm noch von Hannah Arendt, Eike Geisel und all den anderen so oft Zitierten gelernt, dass gegen Antisemiten und Rassisten keine vernünftigen Argumente helfen, weil deren Ungeist nur mit Wahn und deren Trachten nur mit vollendeter Sinnlosigkeit zu beschreiben sind. „Die Verhältnisse dementieren die Aufklärung“, schrieb Eike Geisel.

Trotzdem gibt es „Aktionswochen gegen Antisemitismus“ und Twitter-Kampagnen wie „Nichts gegen Juden“. Da gibt es Fakten wie Kieselsteine ohne Zahl und wie Hinkelsteine schwer, die einen Augsteinjakob zerschmettern müssten; da ruft man dessen Geisteskind zu: „…hör’ auf mit zionistischer Weltverschwörung und informiere Dich!“ [6] Was dieses, darf gehofft werden, auch tut, um sich vom Saulus zum Paulus und vom Müllermeierschulze zum Wiesengrund zu wandeln.

Falls man mit dieser „Aufklärung durch Fakten“ wider Erwarten erfolglos bleiben sollte, kann man immer noch „breite Bündnisse“ ausrufen, „Koordinierungsräte deutscher Nicht-Regierungsorganisationen“ oder „Netzwerke zur Erforschung und Bekämpfung“ von diesem oder jenem gründen, „Strategiekonferenzen“ abhalten, Forderungskataloge erstellen und Petitionen verfassen. Denn das muss ein bewährtes Verfahren sein, sonst würde man es ja nicht ständig wiederholen. Und so läuft der NGO-Zirkus, das Hamsterrad dreht sich, und alle Hamster rufen: „Wir meckern nicht! Wir tun etwas!“ Das ist es wohl, was Eike Geisel einmal die „Selbstinszenierung der edlen Seelen“ nannte: „Jeder sein eigener Herzenswärmer, jeder sein eigenes leuchtendes Vorbild und alle zusammen von erwiesener Harmlosigkeit.“ Dabei ist „Harmlosigkeit“ noch das Mildeste, was man der Zivilgesellschaft vorwerfen kann, aber man fühlt sich ja der Freundlichkeit verpflichtet.

Festzuhalten bleibt: Die NGOs der Zivilgesellschaft sind integraler Bestandteil des Kollektivmodells Deutschland: An sie wird die möglichst unkritische Behandlung und mithin die für die Aktivisten moralisch profitable Verwaltung des Antisemitismus und Rassismus abgegeben, ihre Aufgabe ist, um Eike Geisel zu zitieren: „Reputationskosmetik – Innerlichkeit für den Außenhandel“.

Schließlich zu einem dritten Ansatzpunkt, um Geisels Beobachtung von der „Wiedergutwerdung der Deutschen“ weiterzuverfolgen, und um ein weiteres Moment der Konsensstiftung aufzuzeigen: die Friedensliebe. Denn den Deutschen fällt, wenn Barbaren heute morden, allein der Ruf nach Frieden ein, und darin scheint noch die unangenehme Erinnerung auf, dass man selbst einmal gewaltsam und von außen gestoppt werden musste.

Schauen wir zur Illustration ins Parlament, und es offenbaren sind nicht ohne Grund zuerst die Wortführer der Linken. Der Grüne Anton Hofreiter, ein Bayer mit Facebook und Lederhose, bekundete mit Blick auf den Westen: „Wer jetzt in Syrien militärisch eingreifen will, wird den Konflikt nur weiter eskalieren und zwingt noch mehr Menschen in die Flucht.“ Das ist die moralisch aufgeblasene Unmoral des zeitgenössischen Pazifismus’: Eine Viertel Million Menschen starben bereits im Syrischen Krieg seit Anfang 2011, mehr als 11,6 Millionen Syrer sind heute auf der Flucht. Aber der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag will nicht, dass man Assad und dem IS das Handwerk legt – by any means necessary. Der Hofreiteranton hat einen anderen Plan: „Wir brauchen zu allererst einen politischen Prozess – unter Einschluss Russlands, sowie der wichtigsten Nachbarstaaten.“  [7] Das ist auch die Forderung Putins, der Wunsch des Iran, die Lebensversicherung Assads. Das ist heute alternative Politik in Berlin. Schon Geisel meinte, die Grünen seinen kein Gegenstand mehr der Kritik, sondern nur noch der Verachtung.

Doch die Grünenschelte greift zu kurz, denn die Partei Die Linke sieht das ähnlich, wenn Wolfgang Gehrke fordert, „von der Politik des Regimechange abzurücken und sich auf eine Übergangsregierung, die Präsident Assad einschließt, zu konzentrieren“. Gehrke will ein Ringelpietz mit Mördern, Russland und Iran ausdrücklich eingeschlossen, Waffenlieferungen an die Opposition ausdrücklich ausgeschlossen. [8] Und auch Außenminister Steinmeier (SPD) warnt den Westen vor militärischem Engagement: Die Lage im Syrien-Konflikt sei zwar nach wie vor „sehr verfahren“, doch „wir waren noch nie so weit wie jetzt“, denn: Mithilfe Irans gäbe es neue Chancen zu einer Einigung. [9] Man muss schon zivilisationsmüde oder eben gutdeutsch sein, um mit Steinmeier zu hoffen statt dieses Desaster zu fürchten.

Natürlich ist sie völlig unrealistisch: die Forderung nach massiver militärischer Unterstützung der kleinen und verzweifelten prowestlichen syrischen Opposition, nach Waffen und nach Truppen, nach einem Regimechange in Damaskus, nach der Zerschlagung des IS, nach konsequentem Nationbuilding – und das hieße die Implementation eines bürgerlichen, säkularen Rechtsstaates – über Jahre, vielleicht Jahrzehnte. Linke haben sich doch noch nie an unrealistischen Forderungen gestört, warum dann jetzt? Warum vertreten sie gar das genaue Gegenteil und propagieren die gesellschaftlich umstandslos konsensfähige Kollektivmoral eines Herzjesudeutschtums, das Tyrannen und Terrorbanden gleichermaßen freie Schlächterhand lässt?

Weil es logisch ist. Weil man so zum Nutznießer des Sterbens und des Flüchtens wird: Refugees Welcome heißt: Wir sind die Guten. No War heißt: Wir sind die Guten. Politische Prozesse à la Deutschland statt militärisches Eingreifen à la Amerika heißt: Wir sind die Guten! Noch nie konnten „wir“ uns so gut fühlen.

Wer sich aber nicht gut fühlen kann, weil er noch etwas zivilisatorische Restvernunft behauptet, müsste fast verzweifeln: denn Geisel hatte Recht, die „deutschen Seelenwanderungen“ sind vollzogen, wir sehen heute den „Triumph des guten Willens“ in Vollendung. Ja, man müsste verzweifeln, sollte es aber nicht. Diesen Gefallen sollten man denen, die unverkrampft und moralisch aufgeblasen „Wir“ sagen und sich darin nicht stören lassen wollen, nicht tun.


[1] http://polpix.sueddeutsche.com/polopoly_fs/1.979177.1355825701!/httpImage/image.jpg_gen/derivatives/900×600/image.jpg

[2] http://polpix.sueddeutsche.com/polopoly_fs/1.1776994.1410707097!/httpImage/image.jpg_gen/derivatives/860×860/image.jpg

[3] http://bilder.bild.de/fotos-skaliert/gruenen-politikerin-claudia-roth-59-lacht-beim-treffen-mit-dem-iranischen-parlamentspraesidenten-ali-43121473-39504038/3,w%3D650,c%3D0.bild.jpg

[4] https://mut-gegen-rechte-gewalt.de/service

[5] https://www.facebook.com/anetta.kahane/posts/10206529031038016?pnref=story

[6] http://www.nichts-gegen-juden.de/da-stecken-doch-die-zionisten-dahinter/

[7] https://www.facebook.com/anton.hofreiter/posts/986991258031030?hc_location=ufi

[8] http://www.linksfraktion.de/pressemitteilungen/krieg-syrien-muss-endlich-beendet-werden/?rss

[9] http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/steinmeier-warnt-vor-interventionen-in-syrien-13793435.html

4 Gedanken zu “Wir sind die Guten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s