Boykott den Boykotteuren

Basisbanalitäten zur Kritik des Antisemitismus werden durch Wiederholung nicht falsch. Sie gehören aber dorthin, wo sie nicht gern gehört werden.

Kommentar in der Jungle World Nr. 9, 3. März 2016

Nein, Israel ist kein Apartheidstaat und auch kein Kolonialregime. Ja, die BDS-Kampagne (Boycott, Divestment and Sanctions) gegen Israel ist die zeitgenössische Version der Forderung: »Kauft nicht bei Juden!« Nein, Zionisten sind keine kriegstreiberischen Kindermörder. Und ja, »Freiheit für Palästina« bedeutet: »Treibt die Juden ins Meer!« Nein, die liberale Haltung der israelischen Gesellschaft gegenüber LGBTI ist kein perfides »Pinkwashing«. Und ja, hinter all dem zerebralen Irrsal steckt die Erbärmlichkeit des Antisemitismus. Nein, es gibt kein Verbot dieser »Israel-Kritik«. Und ja, das ist schade.

Warum? Das sollte dort, wo politische Vernunft wenigstens im Mindestmaß vorhanden ist, keiner Begründung mehr bedürfen. Wer das alles noch immer nicht weiß, der will es nicht wissen. Alle Argumente sind hinreichend elaboriert. Sie hier zu wiederholen, bedeutete also selbstgefällige Unwirksamkeit, wo es doch um gefährliche Wirksamkeit geht: Die BDS-Kampagne hat in der Europäischen Union mit der Kennzeichnungspflicht für israelische Waren aus den umstrittenen Gebieten einen veritablen Etappensieg erzielt. Überhaupt haben derlei Kampagnen längst den Mainstream erreicht. Nur ein Beispiel: Bayreuth will demnächst seinen Preis »für Toleranz und Humanität in kultureller Vielfalt« an »Code Pink« verleihen, einen amerikanischen Verein von Pazifistinnen und Pazifisten, die über ihre Ranküne gegen die USA und Israel auch gern mit Holocaust-Leugnern im Iran parlieren, wie zuletzt Anfang 2015.

Die Minnesänger der »Israeli Apartheid Week 2016« touren derweil unter dem Titel »Our Struggles Unite« durch Deutschland. Und das Motto stimmt: Wie das Klebereiweiß im Weizen die Nudeln schön bissfest zusammenhält, so sind der Antisemitismus, pardon, die »Israel-Kritik«, und die Sehnsucht nach Entjudung, pardon, nach »Entzionisierung«, der Kitt linker und alternativer Milieus. Hier ist man sich einig.

Diesem Palästina-Aktivismus gibt der postmoderne Alles-Egalismus den Raum frei: Feierte gerade erst im Berliner Kino Moviemento die Dokumentation »Triumph des guten Willens« über Eike Geisel Premiere, so steht dort an diesem Freitag ein antiisraelisches Propagandastück auf dem Programm, »Even Though My Land is Burning«, präsentiert von BDS Berlin und FOR (For One State and Return in Palestine – frei übersetzt: Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer). Der Filmemacher Dror Dayan ist selbst Israeli, das nennt man Win-win-Situation: Der Antisemitismus bekommt den Koscher-Stempel und der Jude seine Absolution. Er hat den Antizionismus als Assimilationsangebot angenommen.

Die Kinobetreiber dürften sich nicht genötigt fühlen, mit einer solchen Veranstaltung Wiedergutmachung am eigenen Publikum für den Film über Eike Geisel zu leisten. Man lässt nur einen weiteren »wichtigen« Film laufen, über den im Anschluss ja diskutiert werden kann.

Doch warum tun sie das? Nicht, weil sie es nicht besser wüssten, siehe oben, sondern weil sie es können – ganz ungehindert. Das hat auch mit denen zu tun, die gerade diesen Text lesen. Man müsste es den antiimperialistischen Kampañeros und ihren postmodernen Compañeros ja gar nicht so leicht machen. Man könnte diese Zeitung auch einfach einmal zuschlagen und etwas tun.

Das neue Mutbürgertum

Der Cembalist Mahan Esfahani fragt die Pöbler in der Kölner Philharmonie: »Wovor haben Sie Angst?« Doch sie haben gar keine Angst – im Gegenteil.

Artikel in der Jungle World Nr. 10, 10. März 2016

Ein triviales Motiv aus zwölf Sechzehntelnoten wird von zwei Klavieren zugleich gespielt, zunächst synchron. Kleine Geschwindigkeitsveränderungen lassen die Linien auseinanderlaufen und erzeugen Phaseneffekte, es wirbelt stereophon. Nach einer Weile ist alles wieder rhythmisch im Lot, nur sind die Linien jetzt um eine Note verschoben. Und so geht es immer weiter, der Komponist spendiert im Verlauf ein wenig Variation und Oktavierung. Das ist Steve Reichs »Piano Phase« aus dem Jahr 1967.

Eine kurze Tonfolge über längere zeitliche Strecken zu verteilen und hübsche akustische Effekte zu erzielen, reine Klanglichkeit also, hippieeske Psychedelik – dieser Minimalismus setzt beim Publikum keine große intellektuelle Kraft voraus, keine Kenntnis der Partitur, keine angestrengte Reflexion. Reich selbst meinte, hier gäbe es kein Argument.

Und doch: Als Mahan Esfahani das Stück kürzlich in der Kölner Philharmonie als Version für Cembalo und Zuspielband anmoderieren und interpretieren wollte, gab es statt konsumierbarem Effekt wutbürgerlichen Affekt. Schon den englisch gesprochenen Vorsätzen schallte entgegen: »Reden Sie gefälligst Deutsch!« Das Stück selbst musste dann wegen anhaltender Störungen aus dem Publikum abgebrochen werden.

Dabei galt der Eklat weniger dem Stück selbst. Er war eine Machtdemonstration jener Kulturbürger, denen der Sonntagnachmittag, an dem das Konzert stattfand, heilig ist. Ein Aufstand für Kaffee, Kuchen und Barockmusik. Letztere habe auf Darmsaiten gegeigt zu werden, »authentisch« im »Originalklang«. Darauf beharrend kommt das konservative Bürgertum wieder zu sich, auch wenn es sich dafür kurz vergessen muss. Das ist der neue deutsche Mut, im Konzertsaal ebenso wie auf dem Wahlzettel. Überhaupt ist dieses Bür­gertum in seiner postnazistischen Form gerade dabei zu beobachten, wie es im Versuch der Auf­erstehung noch seine letzten Grundlagen selbst zerstört. In einer solchen Phase wird es gefährlich.

Nun ist Neue Musik schon seit der ersten Zwölftonreihe in einen objektiven Widerspruch zum selbstzufriedenen Bedürfnis des Publikums geraten und ästhetisches Kampffeld gesellschaftlicher Widersprüche. Doch selbst dann, wenn sie sich im Fortgang – wie bei Steve Reich – der refle­xiven Anstrengung entledigte, blieb ihr nur eine eigensinnige Kleinstgruppe von Befürwortern.

Dagegen kämpfen manche Musiker verbissen an – mit allen Mitteln, auch illegitimen. Wenn zum Beispiel Barenboim heute Schönberg dirigiert, tritt er in Widerspruch zu Boulez und Gielen, so verschwimmt alles im Vibrato, jede Dissonanz wird gewaltsam zu einem schlechten Wagner verharmlost. Und doch gilt selbst bei dieser Konzes­sion ans Publikum der Applaus nicht der Kunst, sondern allenfalls dem Dirigenten, dem einschlägig engagierten Künstler, dem man seine modernistische Schrulle nachsieht. Neue und neueste Musik ist keine fürs Publikum im großen Saal. Im besten Fall wird sie dort tapfer ertragen. Der Streit im Kölner Publikum war darum auch keiner über Ästhetik, sondern nur noch über Anstand.

Nach dem Konzert meinte Esfahani: »Mein ­Gehirn explodiert jedoch bei dem Gedanken, was geschehen wäre, wenn ich an dem Nachmittag in Köln wirklich etwas Neues gespielt hätte.« Man mag es sich nicht vorstellen.