Fünfzehn Jahre nach 9/11: Was einen SPIEGEL-Journalisten trauern lässt

»Fünfzehn Jahre nach den Anschlägen in New York ist der Terrorismus Alltag und das Gedenken Routine«, so vermeldet Marc Pitzke auf SPIEGEL ONLINE, und echauffiert sich darüber, dass im »wiederauferstandenen« World Trade Center (Adjektiv und Anführungszeichen stammen von ihm selbst) gerade ein neues Shopping-Center eröffnet wurde.

Fünfzehn Jahre nach den Anschlägen auf New York und den Westen aber – das wäre der triftigere Befund – ist hierzulande antiamerikanisches Ressentiment Alltag und augsteinscher Antikapitalismus Routine. Verstand sich DER SPIEGEL seit je als Sturmgeschütz in dieser Frontstellung, so darf zum Jahrestag der Pitzke den Wachtmeister der Artillerie mimen.

Darum auch lamentiert er: »Nicht die Terroristen haben gesiegt. Das Geld hat gesiegt. Der Kapitalismus, den sie im Herzen treffen wollten, ist nun viel stärker, als er vor fünfzehn Jahren (war)…«, und unabhängig davon, ob dem überhaupt so sei, wird doch auch im SPIEGEL immer wieder die Krise des Kapitalismus konstatiert, wird über den angeblichen Sieg des Kapitalismus über den zinsfreien Islamismus laut gegreint. Dieser konformistische Antikapitalismus, dessen Wesenskern die Projektion allen Übels auf die USA war und ist, der in der Bundesrepublik von Augsteinsenior zu Augsteinjunior tradiert wurde und auch nach Grass die Grassdeutschen eint, muss sich verbal nicht maskieren:

Das Shopping-Center wird bei Pitzke als Luxus-Shopping-Center deklariert, weil Luxus verpönt zu sein hat; und auf der anderen Seite des Schützengrabens stehen Apple, Starbucks, H&M »und Konsorten«. Das One World Trade Center wird bei ihm zum »Superturm«, »pompös Freedom Tower genannt«, der aber doch nur ein »konventioneller Klotz« sei, ein »Monstrum«. Wer so redet oder schreibt, hat nichts dagegen, wenn ein solches »Monstrum« auch wieder verschwindet – by any means necessary.

Wiglaf Droste hatte schon Ende 2001 den Angriff vom 11. September (in Anlehnung an Peter Hacks) als »fliegende Architekturkritik« bezeichnet, »erfreulich« fand er, wenn eine »fette Abrissbirne« dort stört, wo man sonst »den Profit vermehrt«. Fünfzehn Jahre später können es Leute wie Pitzke nicht verwinden, dass es in New York tatsächlich wieder so etwas wie kapitalistische Normalität gibt: es wird gearbeitet und geshoppt, es wird Profit gemacht und auch Verlust. Der Kapitalismus hat sich noch nicht in die Knie zwingen lassen. Das ist, betrachtet man die real angebotenen Alternativen, eine gute Nachricht.

Pitzke aber sieht das anders und spielt die eigene deutsche Trauerleidenschaft gegen den angeblichen US-Konsumismus aus: »Statt zu trauern gehen die Amerikaner am 9/11-Jahrestag lieber… shoppen« (die dramaturgischen Punkte im Original). Den Amerikanern als den Angegriffenen, als den Opfern eines islamistischen Massmordes vorzuwerfen, sie würden nicht recht trauern, ist von einem deutschen Enkel der NS-Tätergeneration ein recht eitles Unterfangen. Doch solche Enkel rühmen sich ja ihrer Trauerexpertise: sie trauern nicht nur um Opa vor Stalingrad und Oma in Schlesien, Dresden oder auf der Gustloff. Sie trauern auch – weil gut in Übung und gut fürs Gewissen – um die Opfer der originär deutschen Mordtaten. Und sie bauen statt stahlgläsernen Wolkenkratzern nebst Shopping-Centern lieber riesige Mahnmäler wie Grabmäler, um die sie die Welt dann zu beneiden hat.

Heute, am 11. September, haben in Deutschland die Shopping-Center geschlossen. Das aber ist mitnichten ein Akt des Gedenkens. Das ist nur ein ganz normaler deutscher Sonntag.

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