Die Selbstkritik der Nichtschuldigen

Aus einem Brief von Franz Neumann an Helge Pross von 1954:

Wie ich auf all das kam – weil ich mir zum hundertsten Male die Frage nach der Eigenart Deutschlands vorlege, warum ich dieses Land so liebe und doch so verabscheue … Vielleicht ist es ein Schuldgefühl, das ganz tief sitzt: Wie oft habe ich mir nach 1933 die Frage vorgelegt, wo meine Verantwortlichkeit für den Nationalsozialismus eigentlich steckt. Denn ich glaube an kollektive Schuld – aber dann kann ich mich ja davon nicht ausnehmen … Wir, die wir in der Opposition zu der Reaktion standen, waren alle zu feige. Wir haben alle kompromittiert. Ich habe ja mit eigenen Augen gesehen, wie verlogen die SPD in den Monaten Juli 1932 bis Mai 1933 war (und nicht nur damals) und habe nichts gesagt. Wie feige die Gewerkschaftsbosse waren – und ich habe ihnen weiter gedient. Wie verlogen die Intellektuellen waren – und ich habe geschwiegen. Natürlich kann ich das rational rechtfertigen mit der Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus, aber im Grunde war Angst vor der Isolierung dabei. Dabei hatte ich große Beispiele: Karl Kraus, Kurt Tucholsky. Und ich habe immer in der Theorie den sokratischen Standpunkt für richtig gehalten, daß der wahre Intellektuelle immer und gegenüber jedem politischen System ein Metöke, ein Fremder sein muß. So habe ich also mitgemacht bei dem Ausverkauf der Ideen der sogenannten deutschen Linken. Sicherlich ist mein Beitrag gering und der Politiker wird meine Haltung ironisch betrachten. Aber kann man den Verfall der SPD und den Aufstieg der Nationalsozialisten nur als politisches Problem betrachten? Waren da nicht moralische Entscheidungen zu treffen? Die habe ich zu spät und immer noch nicht radikal genug getroffen.

Zitiert nach Helge Pross: Einleitung. In: Franz Neumann: Demokratischer Staat und autoritärer Staat. Studien zur politischen Theorie. Herausgegeben von Herbert Marcuse. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1986, S. 12

In eben dieser Einleitung schreibt Helge Pross:

Ausgerechnet der Mann, der in keinem Augenblick bereit war, mit den Feinden der Verfassung zu paktieren, hat sich immer wieder Vorwürfe gemacht…

und Pross zitiert diese Sätze aus Neumanns Brief,

…weil sie die inneren Schwierigkeiten der damaligen Gegner des Nationalsozialismus beleuchten und weil es kaum einen größeren Gegensatz zu den Selbstrechtfertigungen der Schuldigen gibt als die Selbstkritik der Nichtschuldigen.